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Kultur

Seo Seong-ran: „Sechspersonenzimmer“

#Literatur zum Hören l 2022-04-26

Literatur zum Hören

ⓒ Getty Images Bank

Die Geschichte spielt in einem Krankenhauszimmer mit sechs Patienten. Hier liegen: ein Patient mit gebrochenem Schlüsselbein, eine Frau in ihren 50ern mit Enteritis, eine Frau um die 60, die nach dem Tod ihres Mannes Magersucht entwickelt hat, Seon-ye, eine Langzeitpatientin; und zwei Senioren, die Ernährungssonden haben. Dann sind da noch die beiden Krankenpfleger – Yeong-sun und Herr Kim. 



Yeong-sun stellte sich vor, auf diesem Bett zu liegen, nicht als Pflegerin, sondern als Patientin. Nicht als jemand, der sich im Koma oder in einem unheilbaren Zustand befand oder lebenslang verkrüppelt war, sondern als jemand, der noch gesund genug war, um drei Mahlzeiten am Tag zu genießen und tagsüber nach draußen zu gehen.

Wenn sie auf einem bequemen Bett mit einem sauberen Laken statt auf einem schmalen Kinderbett schlafen könnte, würde sie bis zum nächsten Morgen fest schlafen, ohne vom Geröchel eines Patienten aufwachen zu müssen.

Auch wenn der Krankenhausaufenthalt sicher nicht ganz unbeschwerlich wäre, sie würde erst gehen, wenn die maximal drei Monate abgelaufen wären, nicht einen Tag vorher.

Viele Patienten beschwerten sich, dass das Sechs-Personen-Zimmer zu eng und unbequem sei, aber es war besser als ihre winzige Wohnung mit ihrem alten Mann und ihrem Sohn.



Für den Bruchteil einer Sekunde blendete sie ein aufblinkendes Licht. Ihr Handy flog auf den Bürgersteig und ihr Körper wurde wie von einer gewaltigen Welle hoch in die Luft geschleudert. Menschen und Fahrzeuge blieben stehen, und erdrückende Stille umgab sie, als hätte jemand die Stummschalttaste gedrückt. Mitten auf der Straße lag ein Motorrad auf der Seite. Yeong-suns schwebender Körper begann zu Boden zu fallen.



Yeong-sun dachte, es wäre schön, im selben Krankenhaus wie ihr Mann zu liegen. Sanitäter kamen, um ihren Körper auf die Bahre zu heben. Jemand versuchte, ihre Augen zu schließen, aber sie ließ es nicht zu. Sie fühlte sich plötzlich so schläfrig. Yeong-sun, die mehr als drei Monate auf einer Pritsche hatte schlafen müssen, fiel mit weit geöffneten Augen in einen tiefen Schlaf.




Seo Seong-ran (*1967): „Sechspersonenzimmer“

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