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Lee Seon-hee : „Die Rechnung“ (1937)

2023-12-05

ⓒ Getty Images Bank
Ich betete darum, dass mein Mann bei einem Autounfall oder durch den Tritt eines rennenden Pferdes ein Bein verlieren möge. Denn sieben Monate zuvor hatte ich ein Bein verloren und trug seitdem den stolzen Spitznamen „Krüppel“. Wenn mein Mann zwei Beine hätte und ich nur eines, würde das gewiss das Gleichgewicht zwischen uns stören. Was aus dem Gleichgewicht ist, kann nicht ganz sein.


Ein Verdacht ist wie eine streunende Katze. 
Wer konnte schon mit Sicherheit sagen, dass mein Mann mit seiner neuen Krawatte nicht eine andere Frau bezirzen würde. 
Er eilte hinaus und sagte, er werde bald wiederkommen. Ich versuchte aufzustehen, aber mein Bein machte nicht mit. Ich lehnte mich an die Wand.
Das katzenartige Misstrauen ignorierte alles in mir und machte mich verrückt. Es kümmerte sich nicht um meine Selbstachtung und meine Ehre und auch nicht um das zwischen uns beiden aufgebaute Vertrauen, und ich kam zu folgendem Schluss: Mein Mann trug eine neue Krawatte und ging zu einer Hündin mit zwei intakten Beinen. 


Ich bin hierher gekommen, ohne einen Mord begangen zu haben. Es ist die Schwäche, die Zuneigung einer jeden Frau, die mich dazugebracht hat, mich hier niederzulassen, ohne das bekommen zu haben, was mir zusteht.
Ich beabsichtige, eine Weile hier zu bleiben. Ich werde in diesem Land bleiben, bis meine Rechnung vollständig beglichen ist. 
Ich mag es, dass es in diesem Land Banditen gibt, dass man sich hier von Schweinen erzählt, die sich vom Körper eines toten Kindes ernähren, und dass es hier Einsamkeit gibt, die dem Tode gleicht. 



Lee Seon-hee (1911-?): „Die Rechnung“ (1937)

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